Demenzdörfer – Pionierprojekte oder Ghettos? - Ritter
06.03.2014

Demenzdörfer – Pionierprojekte oder Ghettos?

Derzeit gibt es ca. 1,2 Millionen Menschen, die an Demenz erkrankt sind.

Im Jahr 2030 werden es schätzungsweise doppelt so viele sein wie heute. Diese Zahlen sprechen für sich und sind Grund genug, um sich verstärkt Gedanken um die zukünftige adäquate Versorgung der an Demenz erkrankten Menschen zu machen.

Vorbild hierfür sind aktuell die Niederlanden. In „De Hogeweyk“, einem kleinen Dorf nahe Amsterdam, haben die Holländer ein Wohnviertel errichtet, das auf die Bedürfnisse an Demenz erkrankter Menschen zugeschnitten ist. Ein sogenanntes „Demenzdorf“.  Ziel dieses Konzepts ist es, den 150 Bewohnern ein möglichst selbstständiges Leben in einer geschützten Umgebung zu ermöglichen, in der sie anders als im Pflegeheim, in eigenen kleinen Wohnungen/Wohngruppen leben. Hier wird vor allem Wert darauf gelegt, dass alte Lebensgewohnheiten der Bewohner beibehalten werden und sie alltägliche Aufgaben, wie Kartoffeln schälen oder Wäsche zusammenlegen selbst oder mit Hilfestellung durchführen.

Das Dorf selber unterscheidet sich nur wenig von anderen Wohnvierteln und ist dem Leben außerhalb nachempfunden. Es gibt eine HauptstraßeStraßenschilder zur Orientierung, einen Supermarkt und sogar eine Parkanlage. Die Wohnungen sind hier die „natürlichen“ Grenzen zur Außenwelt.

Keine Gitter, keine Zäune, lediglich eine Doppelschleuse durch die Freunde und Angehörige in das Dorf hinein gelangen, um ihre betroffenen Familienmitglieder zu besuchen. An der Schleuse sitzt immer Personal, dass die Bewohner, sollten Sie hinaus wollen auffängt, mit ihnen redet und sie wieder hinein geleitet. Die Bewohner sind nicht, wie häufig negativ in der Presse beurteilt „eingesperrt“, aber sie können nicht unbemerkt das Gelände verlassen und sich evtl. in Gefahr bringen.

Nach dem niederländischen Vorbild entstehen derzeit auch in Deutschland zwei solcher Demenzdörfer. Im rheinland-pfälzischen Alzey und in Hilden bei Düsseldorf sollen in Zukunft zwei solcher Wohnviertel entstehen. 

Das deutsche Konzept sieht es sogar vor, Mehrgenerationshäuser zu ermöglichen, in dem junge Familien mit ihren mit Demenz betroffenen Angehörigen zusammen leben können. Auch für Pflegepersonal soll in Zukunft Platz geschaffen werden. Durch dieseDorfstruktur, soll eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben geschaffen werden. Doch das Konzept ist sehr umstritten. Auf der einen Seite spricht man von Pionierprojekten, auf der anderen werden Vorwürfe wie „ein Demenzdorf sei wie ein Ghetto“ oder „es werden Scheinwelten geschaffen“ laut.
Ganz wertfrei lässt sich jedoch sagen: der Versuch ist da, alternative Wohnformen zu schaffen und neue Konzepte auszuprobieren.

Anfang 2015 sollen die ersten Bewohner in die Demenz-Siedlung in Alzey einziehen, erst dann wird sich zeigen, ob das Konzept aufgeht. Aber eines ist klar, das Dorf gilt erst als gelungen, wenn es den Bedürfnissen der Bewohner entspricht.

Von: Charlene Groß | pflegemarkt.com GmbH